«Der Trend hin zu einer fossilfreien Mobilität wird andauern»

2. Dezember 2019 agvs-upsa.ch – Die Heftigkeit der Klimadebatte war in der erlebten Form nicht vorhersehbar, sagt Politologe Claude Longchamp. Klar für ihn ist aber, dass die globale Herausforderung Auswirkungen auf die Autobranche haben wird, indem sie deren Angebote verändern. 

claude_longchamp.jpgkro. Claude Longchamp, Sie werden am nächsten «Tag der Schweizer Garagisten» über gesellschaftliche Trends und ihre Folgen für das Autogewerbe referieren. Wie relevant ist die «Klimadebatte» für das Autogewerbe?
Claude Longchamp: Auf jeden Fall relevant, da sie ein globales Thema ist und die internationale und national Politik beeinflusst. Das globale Problem wird die Angebote der Autoindustrie verändern. Die Politik wiederum wird die Rahmenbedingungen für Produzenten und Konsumenten neu bestimmen. 

Was genau macht einen gesellschaftlich relevanten Trend aus?
Trends sind neue Auffassungen, die eine bisher nicht bekannte Veränderung auslösen. Gesellschaftliche Trend sind demnach Änderungen von Auffassungen, die das Zusammenleben betreffen. Relevanzkriterien sind dabei beispielsweise die Nachhaltigkeit der Änderungen und das Ausmass der Betroffenen. Hinzu kommen Akteure, die die Änderungen beschleunigen oder bremsen wollen.

Können Trends bereits in einem frühen Stadium erkannt werden? Wie?
Ja und nein. Mit der Beobachtung neuer Trends beschäftigt sich die Früherkennung. Sie stellt entweder auf besonders sensible Gruppen ab, wie beispielsweise die Wissenschaft, oder aber auf Akteure mit großer Durchsetzungskraft. Das wären dann exemplarisch Medien, Regierung und Parlament. Die Krux ist allerdings, die Nachhaltigkeit solcher Veränderungen einzuschätzen. Veränderungen der öffentlichen Meinung sind das nicht zwingend, strukturelle Veränderungen hingegen schon. Meistens geht es aber um Wertewandel, anhaltende zähflüssige Veränderungen mit nicht eindeutigen Folgen.

Welche Rolle spielen die Medien, wenn es darum geht, dass sich ein Trend durchsetzt oder nicht? Oder was sind die entscheidenden Faktoren?
Massenmedien sind dazu da, Veränderungen öffentlich zu machen, damit sie gesellschaftlich und politisch verhandlungsfähig werden. Medien haben aber auch eigene Gesetzmässigkeiten: Sie sind sprunghaft, «trenden» sehr schnell, wenden sie sich aber auch rasch davon ab, wenn ihnen ein Zyklus wieder vorbei scheint. Relevant sind Medien vor allem bei vorherrschenden Themen. Da sind sie eindeutige Verstärker. Bei verdrängten Problemen ist das erwünscht, bei offensichtlichen manchmal auch penetrant. Das setzt eine informationsoffene, aber medienkritische Haltung der Nutzer voraus. 

Was kann der einzelne Garagist machen, um von der künftigen Entwicklung nicht auf dem falschen Fuss erwischt zu werden? Er hat ja keine Zeit, sich um Trends und ihre Entwicklung zu kümmern. 
Ja, das ist so. Aber jeder Unternehmer weiß, dass er Umfeld-Beobachtungen machen muss, gerade wenn investiert wird. Ähnlich verhält es sich bei Trends. Diese in Wissenschaft, Medien und Politik zu verfolgen, ist eher die Aufgabe von Verbänden der Garagisten. Zu fragen, was davon bei der Kundschaft angekommen ist, ist jedoch die Aufgabe jedes einzelnen.

Bezogen auf das Autogewerbe und die Autobranche: War die politische Entwicklung, wie wir sie über die vergangenen Jahre erlebt haben und ganz besonders aktuell erleben, absehbar?
Die Heftigkeit der Klimadebatte war in der erlebten Form nicht vorhersehbar. Sie hat sie in der Schweiz aus dem Wahljahr heraus ergeben, gesetzt durch die Wahlen im Kanton Zürich. Verstärkend kam hier hinzu, dass der Druck der Straße anhielt, neue, jungen Menschen politisierte und so den Wahlkampf der Parteien beeinflusste. Von diesen Faktoren der Beschleunigung abgesehen, war das Thema aber absehbar. Die Klimapolitik beschäftigt die internationale Staatengemeinschaft seit Jahren, ringt sie doch nach Maßnahmen, die für alle gelten sollen. Das Pariser Abkommen datiert von 2015, ist seit 2016 in Kraft und in der Schweiz 2017 in einem ersten Schritt umgesetzt worden.

Wie erklären Sie sich den Umstand, dass der Fahrzeugbestand in der Schweiz noch nie so hoch war, das Auto also so beliebt wie nie zuvor ist, es als einstiges Symbol für die Freiheit und Unabhängigkeit heute aber politisch so stark unter Druck steht wie kaum zuvor?
Der Fahrzeugbestand ist eine Frage des Konsums. Der Druck kommt aus der Politik. Das ist nicht das gleiche, weshalb es ja einen Konflikt gibt. Radikale Einschränkungen der Mobilität sind wenig aussichtsreich, effizientere Formen der Organisation dagegen schon. Das spricht für mehr öffentlichen und weniger privaten Verkehr. Es spricht auch für Lenkungsmassnahmen, etwa mit veränderten Angeboten von Parkplätzen oder der Förderung von Softverkehr, wie das viele Städte heute versuchen.  Hinzu kommt, dass der Wertewandel die Bedeutung des Automobils verändert hat. Es ist lange nicht mehr für alle der Inbegriff von Freiheit, eher hat es für viele eine Nutzen, den man beansprucht, aber nicht als Statussymbol feiert.

Was bedeutet die neue politische Konstellation im Parlament für die mittelfristige Entwicklung im Bereich Mobilität? Wie tickt das neue Parlament in Bezug auf den motorisierten Individualverkehr? 
Das erste große Thema wird die CO2 Politik sein. Die trifft mehr den Flugverkehr als die Automobilität. Es werden aber jetzt schon weitere Themen sichtbar. Zersiedlung der Landschaften Heizungen von Häuser oder der Fleischkonsum gehören dazu. Das für den motorisierten Verkehr relevanteste ist der Trend zu eine fossilfreien Mobilität. Der Zeithorizont ist da größer als die Amtsdauer des neuen Parlaments, aber auch nicht ewig, man spricht von 2030. Nicht vergessen sollte man zudem, dass die Mobilität vielfach lokal geregelt und gesteuert wird. Da sind namentlich die Städte als Treiber relevant. Ihr Argument ist, dass die Neuorganisation des Verkehrs die Lebensqualität ihrer Bewohner erhöht und die Städte damit attraktiver macht. Dieser Trend wird andauern.

Worauf muss sich das Autogewerbe gefasst machen?
Ich denke, die Politik wird Ziele definieren, die den Segen des Souveräns haben müssen. Was danach kommt, ist die Umsetzung mit vielen Einzelschritten. Die Energiewende zeigt, dass das dauert. Fukushima als initiales Ereignis war 2011, der positive Volksentscheid 2017. Seither geht es vor allem um die Auswirkungen für die Kantone, wo es teilweise harzt. 

Es gibt Leute, die in der dynamischen Veränderung der Autoindustrie mehr als nur ein wirtschaftliches Ereignis sehen, sondern eine politische und gesellschaftliche Zeitbombe. Wie sehen Sie das?
Anders als unsere Nachbarstaaten hat die Schweiz keine relevante Autoproduktion. Das entschärft die Frage. Politische Lösungen in der direkten Demokratie sind selten radikal. Wir sind es gewohnt, in aller Regel umsichtige Entscheidungen aufgrund der vorliegenden Informationen zu treffen.

Bei welchen Gelegenheiten fahren Sie am liebsten Auto? 
Ich fahre sehr wenig Auto, bin seit 35 Jahren grossmehrheitlich öV-Benutzer. Wir haben aber einen kleinen Opel, der im Stadtverkehr bisweilen nützlich ist. Und wir haben ein Cabrio. Eine Herbstfahrt mit offenem Dach und untergehender Sonne ist durch nichts zu übertreffen.

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