Das Phantom «Level 5»

Mobility Forum 2021

Das Phantom «Level 5»

15. November 2021 agvs-upsa.ch – Autonomes Fahren steht im Spannungsfeld zwischen Marketing und technischer Realität, zwischen Wunsch und Realität, zwischen bald und irgendwann. Am Mobility Forum in Bern wurde klar, dass es noch Jahrzehnte dauern wird, bis Fahrzeuge auf Level 5 unterwegs sein werden – falls überhaupt je. 

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Aktuell bereitet das Bundesamt für Strassen, hier im Bild Direktor Jürg Röthlisberger ein Gesetz vor, welches Pilotprojekte für autonomes Fahren ab 2024 ermöglichen soll. Fotos: Transport-CH

kro. Es heisst, es sei «the next big thing» und werde die Mobilität stärker verändern als jede andere Entwicklung: das autonome Fahren. Wie sehr sich potenzielle Anbieter bereits auf neues Business vorbereiten, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass weltweit bisher 800 Milliarden Dollar investiert wurden. Grund genug, das Thema in den Mittelpunkt des «Mobility Forum» an der Transport-CH/Aftermarket-CH zu setzen. 

«In diesem Thema hat es viel Weizen, aber auch viel Spreu», stellte Jürg Röthlisberger, Direktor des Bundesamts für Strassen Astra fest. Sein Amt befasst sich in verschiedener Hinsicht mit dem Thema, nicht zuletzt im Hinblick auf die Revision des Strassenverkehrsgesetzes. Es soll die rechtliche Grundlage schaffen für Level 3 und 4; heute sind wir auf Level 2 und noch sehr weit entfernt vom autonomen Fahren, wie das die Allgemeinheit versteht. 

Wir befinden uns noch immer im Kapitel Fahrunterstützung. Und es ist nicht auszuschliessen, dass wir noch auf Jahrzehnte hinaus nicht auf breiter Ebene autonom fahren werden: «Level 5 ist ein Phantom», sagte Röthlisberger, «das ist für die nächsten 30 bis 40 Jahre kein Thema.»

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Automatisiertes Fahren im Spannungsfeld von Marketing und technischen Möglichkeiten – Bernhard Gerster zeigte auf, welche Herausforderungen noch gemeistert werden müssen.

Aufmerksame Beobachter der Entwicklung stellen fest, dass sich der «Hype» merklich abgekühlt hat. Der Grund liegt darin, dass sich die Schere zwischen Marketing und technischer Entwicklung in den vergangenen Jahren geöffnet hat. Das Thema hatte um 2015 seinen Höhepunkt, als man glauben gemacht wurde, dass es im besten Fall noch ein paar Jahre dauert, bis autonomes Fahren Realität ist. «Heute», stellte Bernhard Gerster, Fachexperte für Automobiltechnik und jahrelang Leiter des DTC am «Mobility Forum» fest, «sind wir auf einem Level angekommen, der vergleichbar ist mit einem Anfänger nach der zweiten Fahrstunde». Die Herausforderung besteht in der Kombination zwischen Erkennung und Positionierung. 

Und in der Verarbeitung der Daten, die das Fahrzeug allein dafür sammeln muss. Die sind gigantisch. Modernste Systeme generieren aktuell 50 Gigabyte Daten. Pro Minute. BMW, bei denen aktuell 40 Testfahrzeuge unterwegs sind, braucht allein für die Speicherung zwei eigene Datencenter mit einer Kapazität von 500 Petabyte; eine Speichergrösse, in der alle jemals in der Menschheitsgeschichte geschriebenen und gedruckten Wörter fünfmal Platz hätten. Und trotzdem: In der optischen Verarbeitung von möglichen Hindernissen ist das menschliche Auge selbst den modernsten Systemen um das Siebenfache überlegen. Kommt dazu: jeder Hersteller und jeder Zulieferer baut sein eigenes System. 

Bei allen Herausforderungen, die noch zu lösen sind: Einig war man sich am Forum, dass (teil-) autonomes Fahren die Sicherheit auf der Strasse erhöhen, dass die Chancen für Effizienz in der Mobilität enorm gross sind – und dass die passive Sicherheit auf keinen Fall vernachlässigt werden darf.
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